Inhaltsverzeichnis:

  1. Einleitung
  2. Lampenfieber oder Bühnenangst -
    wie wir mit Erregung umgehen
  3. Bewegung ist Ausdruck
  4. Worin besteht der Konflikt?
  5. Kann Psychotherapie helfen?
  6. Freiheit zum Ausdruck
  7. Bewusstwerdung schafft Kompetenz.
    Kompetenz befreit.
  8. Die Symptomatik verstehen lernen
  9. Illusionen führen zu Überforderung
  10. Medikamente? - Oder Hilfe zur Selbsthilfe!
  11. Literaturhinweise

Die Bühne Lust oder Frust?!

Ein Aufsatz über Lampenfieber und Bühnenangst – Ursachen und Bewältigung

Angelika Stockmann ist Cellistin und Dispokineterin. Sie arbeitet seit vielen Jahren in eigener Praxis mit Musikern an Spielproblemen und Bühnendisposition. Seit 6 Jahren leitet sie mit einem Team den Ausbildunglehrgang Dispokinesis. Seit drei Jahren arbeitet sie darüber hinaus mit der formativen Psychologie und somatischen Bildung nach Stanley Keleman.

"...und stellt Euch vor: Wenn wir dann nach vorne gehen und alle gucken.......!!"
(Katharina, 7 Jahre alt, voller Begeisterung vor ihrem ersten Klassenvorspiel.)

Es ist die Rede von der Bühne, von dem Ort, für den wir Musiker leben, wo wir uns ausdrücken in Musik. So treten wir in Kontakt und stellen eine Beziehung her zum Publikum.
Bei Musikern kann diese Vorstellung Horror und Faszination auslösen, kann die unterschiedlichsten Bilder, Phantasien, Visionen, aber auch somatische Reaktionen hervorrufen. Die Bühne kann uns Lust oder Frust sein, kann uns beglücken, aber auch große Angst auslösen und in tiefe emotionale Abgründe stürzen.
Unsere Erfahrungen auf der Bühne berühren den Kern und den Nerv unseres Lebens als Musiker. Die Bühne ist letztlich das Ziel unserer Bemühungen. Und da es in diesem Moment, beispielsweise im Probespiel, manchmal buchstäblich um "Sein oder Nicht-Sein" geht, wird hier unser empfindlichster Punkt berührt. Wir erproben uns selbst, als Musiker, aber auch in unserer Existenz als Mensch.

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Lampenfieber oder Bühnenangst – wie wir mit Erregung umgehen

Ganz gleich, was jeder einzelne von uns, was Sie liebe(r) Leser(in), in diesem Moment erfahren, in dem Sie sich oben genannter Vorstellung hingeben, immer haben wir es mit einer ganz individuellen Weise zu tun, Emotionen auszudrücken, indem wir sie "verkörpern". Sich zu verkörpern aber bedeutet, seiner inneren Erregung Form zu geben. "Leben ist ein fortwährender Formungsprozess." (Stanley Keleman)
Lampenfieber beispielsweise ist ein Erregungszustand, der es uns ermöglicht, auf der Bühne über uns hinauszuwachsen, der das „gewisse Etwas“ freisetzt, das unter alltäglichen Umständen verborgen bleibt.
Lampenfieber lässt uns zu unserer Höchstform auflaufen, setzt Leistungsreserven frei, bringt die Konzentration auf den Punkt.
Lampenfieber ist "körperliche Vorfreude" auf einen besonderen Moment, auf den wir uns lange vorbereitet haben und dem wir entgegen-"fiebern".
Bühnenangst dagegen ist die Angst vor dem Versagen, vor dem "Gesehen-werden", vor Schutzlosigkeit und Selbstauflösung.
Bühnenangst lähmt und hindert uns daran, das zu zeigen, was wir uns vorgenommen haben.
Bühnenangst boykottiert unsere Leistungsbereitschaft und treibt uns dorthin, wovor wir uns am meisten fürchten: In den Misserfolg, ins Versagen.
Bühnenangst macht, dass wir entweder jegliches Gefühl einfrieren oder von Erregung überflutet und überwältigt werden.

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Bewegung ist Ausdruck

Wir interpretieren ein Werk mit Hilfe unseres Körpers und drücken so unsere musikalische Vorstellung aus. "Musiker sind Bewegungskünstler." (G.O. van de Klashorst). "Emovere", bewegt werden von Musik, ist ein Umgehen mit Emotionen, mit Gefühlen. Im Fall von Bühnenangst ist das für uns Musiker besonders fatal, weil die körperlichen Symptome der Angst, Zittern, Verkrampfen, Herzrasen, Luftnot usw., unsere Ausdrucksfähigkeit herabsetzen, uns buchstäblich hemmen und lähmen.
Insofern ist Bühnenangst eine Art "Indisposition", ein der Situation unangemessenes Verhalten.

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Worin besteht der Konflikt?

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Kann Psychotherapie helfen?

Oft ist das Drama, das wir auf der Bühne erleiden, eine Art Ersatz-Bühne, wo ein grundsätzlicher Lebenskonflikt wie im Brennglas erscheint und gelöst werden will. Solche Bühnenprobleme lösen sich nicht allein auf dem Feld der künstlerischen Arbeit.
In diesem Sinne ist bei der Bearbeitung einer Bühnenproblematik eine psychotherapeutische Begleitung oft Teil des Prozesses. Die Bewusstwerdung von z.B. biographischen Ursachen für Hemmungen kann hilfreich sein und ist in manchen Fällen unerlässlich, um sich von Bühnenängsten zu befreien. Das ist meistens ein langer Weg, der oft auch Teil eines natürlichen Reifungsprozesses sein kann. U.U. aber läuft uns in einer solchen Entwicklung beruflich die Zeit davon. Regelstudienzeiten, Examina, Probespieltermine und Konzerte, kurz: die Wirklichkeit unseres Musikerlebens, fordern uns heraus.
Der Zugang über die körperliche "Gestalt" dagegen umfasst gleichzeitig alle Aspekte unserer Wirklichkeit als Musiker und ist daher oft viel direkter und auch wirksamer: Insbesondere da, wo es auch um das Lösen von konkreten Spielproblemen geht, die sich meistens im Verlauf einer Bühnenproblematik einstellen. Die Erfahrung, durch einen kompetenten Umgang mit sich selbst Einfluss nehmen zu können auf das, was geschieht, schafft Mut und Selbstvertrauen und wirkt sich oft überraschend positiv auch auf andere Lebensbereiche aus.
Außerdem sind Musiker auch erst da ganz Mensch, wo sie ihrem Ausdrucksbedürfnis folgen und in ihrem Spiel Befriedigung finden können. Meiner Erfahrung nach hängt der Erfolg eines psychotherapeutischen Ansatzes von der Berücksichtigung und Achtung dieser Tatsache ab. Als Dispokineterin, die ich gleichzeitig Musikerin bin, teile ich dieses Lebensgefühl meiner Klienten. Dies ist für die Arbeit von enormer Bedeutung. (Dispokineter kann nur werden, wer auch Musiker ist.)

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Freiheit zum Ausdruck

Stabilität beispielsweise, das Gefühl, festen Boden unter den Füßen zu haben: Das Finden einer positiven Ausgangslage, einer aktiven, aber unverkrampften Haltung zum Instrument schafft eine Disponiertheit, die auch Zielgerichtetheit und Selbstvertrauen verkörpert. Kann ich gut auf meinen Füßen stehen, kann mein Oberkörper seine alten Haltespannungen loslassen. Jetzt sind Schultern, Arme und Hände frei zum "Handeln".
Meiner Erfahrung nach finden sich bestimmte Ausdrucksmuster in der Körperhaltung, die uns meistens gar nicht bewusst sind, immer auch im Bewegungsmuster der Hände wieder. „Stereotype Haltung ist auch stereotype Handhaltung“ (G.O. van de Klashorst). Insofern beginnt die Arbeit an der Verlässlichkeit der Feinmotorik oft in der Bewusstwerdung und Änderung des allgemeinen Haltungsausdrucks eines Musikers.
Ähnliches gilt auch für Bläser und Sänger: Eine disponierte Haltung ist die Voraussetzung für eine gute Atemstütze. Sie wiederum ermöglicht einen unproblematischen und verlässlichen Ansatz, der erfahrungsgemäß für die Nerven eines Bläsers so bedeutsam ist.
Die Verlässlichkeit der Stimme beim Singen hat mit der Fähigkeit zu tun, differenziert mit dem intraabdominalen Druck umzugehen. Wer auf der Bühne seine Erregung durch einen hohen muskulären Einsatz "einfriert" und sich so "überformt", verliert, vielleicht ohne sich dessen bewusst zu sein, seine Flexibilität. Umgekehrt führt das Fehlen von körperlicher Spannkraft ebenso zu Kontrollverlust, weil der Verlust von Atem- und Tonstütze droht. Spannungslosigkeit bringt außerdem die Gefahr mit sich, überwältigt zu werden. In einem solchen Zustand ist es nicht möglich, seiner Erregung eine angemessene Form zu geben.
Für die Streicher gilt z.B.: Wer seinen Bizeps nicht mehr zum Festhalten und Kämpfen gebraucht, kann feinmotorische Bewegungsinitiativen erfahren. Das Spiel fühlt sich leicht und ungebremst an. Geläufigkeit, Treffsicherheit und auch die Flexibilität des Vibratos nehmen zu....
In diesem Sinne ist vielleicht der Satz eines Pianisten zu verstehen, der im Rückblick feststellen konnte: "Der entscheidende Grund für meine Nervosität war, dass meine Technik nicht zuverlässig war!"

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Bewusstwerdung schafft Kompetenz. Kompetenz befreit.

"Üblicherweise bleiben unsere Probleme bestehen, weil wir nicht wissen, wie wir sie organisiert haben und wie wir sie desorganisieren können." (Stanley Keleman)
Meistens erleben Musiker Bühnenangst und die damit einhergehenden Hemmungen und Symptome als einen Zustand, der sie überfällt und dem sie ohnmächtig ausgeliefert sind.
Es ist ihnen beispielsweise nicht bewusst, inwiefern ihre Spielhaltung oder auch Spieltechnik Instabilität oder Verkrampfung schon im Ansatz beinhalten und in einer Stresssituation lediglich ein bestimmtes Maß überschreiten, so dass sie sich dann störend auswirken.
D.h., die Ausgangshaltung und Spiel-/Atemtechnik tragen dazu bei, dass der Stress auf der Bühne sich so negativ auswirken kann und sie z.B. Kontrollverlust und Blockaden erleiden.

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Die Symptomatik verstehen lernen

Um zu einer Veränderung gelangen zu können ist es zunächst wichtig zu verstehen, dass das "unangemessene Verhalten" auf der Bühne, wie in diesem Beispiel: Sich-verkrampfen, einen Sinn hat. Der Körper folgt in einem instabilen, bedrohlichen Zustand seinem Bedürfnis nach Halt und Stabilität und bedient sich dabei eines Musters, zu dem wir offensichtlich in solchen Situationen automatisch Zuflucht nehmen. Die Frage lautet also: Wo und wie kann ich Halt finden, ohne mich dabei meiner Ausdrucksmöglichkeiten zu berauben?
Im Laufe einer Entwicklung zu mehr Leichtigkeit und Flexibilität kann es allerdings auch vorübergehend zu neuen Verunsicherungen kommen, weil im Ernstfall die alten Krücken, wie z.B. Festhalten, nicht mehr funktionieren und die Erfahrung mit den neuen Mustern noch nicht genügend erprobt ist.
Nicht zuletzt aus diesem Grunde ist für solche Prozesse ein "Mentor" hilfreich, der den Musiker immer wieder ermutigt und bestätigt, in diesem Sinne den Weg zu mehr Autonomie weiterzugehen. Das heißt auch: Nicht gegen die eigene Geschichte (alles muss anders werden, ich muss ein anderer werden), sondern mit ihr zu arbeiten. Denn...

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Illusionen führen zu Überforderung

Meiner Beobachtung nach sind Musiker mit Bühnenängsten meist sehr idealistische Menschen, die zu ihren Illusionen Zuflucht nehmen, um ihre reale Wirklichkeit nicht sehen zu müssen. Damit nehmen sie sich aber auch die Chance zum nächsten kleinen Schritt heraus aus der Misere. Sie überfordern sich mit ihren Vorstellungen, wie sie sich beispielsweise eigentlich auf der Bühne fühlen müssten (nämlich wie ein Fisch im Wasser oder eigentlich wie zu Hause usw.), was mit ihrer augenblicklichen Realität nichts zu tun hat. Oder aber sie fokussieren den Erfolg auf der Bühne als ihr alleiniges Lebensziel und bemerken nicht, wie sie dabei ihre anderen lebendigen Impulse missachten und sich selbst vernachlässigen. Eigentlich kein Wunder, dass eine solche Haltung Panik und Angst erzeugt. Diesen Selbstverlust aber organisieren sie u.U. selbst, weil sie sich als Mensch mit seinen Bedürfnissen, aber auch Grenzen verlassen.

"In unserer Entwicklung als Musiker müssen wir lernen, disponierende und indisponierende Kräfte zu unterscheiden. Dies alles hängt mit unserer Persönlichkeit, unseren Fähigkeiten und unserem inneren Zustand zusammen.
Selbstbeobachtung ist die Fähigkeit, sich selbst in Relation zu seiner Umgebung zu sehen, zu dem Nächsten, dem Publikum, dem Schüler. Durch Selbstbeobachtung entwickelt sich ein Selbstwertgefühl, wodurch man weiß, dass der Platz, den man einnimmt, der richtige ist."
(G.O. van de Klashorst)

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Medikamente? - Oder Hilfe zur Selbsthilfe!

Ich verstehe das Auftreten von Bühnenängsten als Krise im fortwährenden Entwicklungs-prozess eines Musikers. Krisen sind dazu da, eine Botschaft zu vernehmen, innezu-halten, zu beobachten und zu spüren, um zu verstehen.
Was sind die "indisponierenden Faktoren" in meinem Spiel, in meinem Leben?
Worin bestehen meine Muster? Wie kann ich darauf Einfluss nehmen?
Oft geht es darum, gute und schlechte (Bewegungs- )Gefühle unterscheiden zu lernen.
Dann geht es um den Mut, diesen Gefühlen zu glauben und die gewonnenen Erfahrungen zu vertiefen.
Der Musiker kann Erfahrungen damit machen, sich auf sich selbst zu verlassen, indem er sich zu Stabilität und klaren Vorstellungen verhilft.
Selbstbeobachtung bringt einen Bewusstwerdungsprozess in Gang und führt zu Selbst-bewusstsein.
Dieses erworbene Selbstbewusstsein ist Kompetenz im Umgang mit sich selbst und dem Instrument!
In diesem Sinne rate ich nur in begründeten Ausnahmesituationen zum Einsatz von Medikamenten. Wer sich von Medikamenten abhängig macht, bringt sich um die Chance eines Entwicklungsprozesses, der zu mehr Erfüllung und Befriedigung führen kann.

Bühnenangst ist kein Schicksal. Es kann die Vorstufe zu Lampenfieber sein.

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Literaturhinweise

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